Different Persons

Text: DIE NEUE SICHTBARKEIT DER FOTOGRAFIE ZU ZWEI WERKGRUPPEN VON RALF PETERS / Klaus Honnef / Katalog "UNTIL TODAY"

Sie könnten Geschwister sein. Sind es aber nicht. Nicht einmal entfernt verwandt und mutmaßlich auch nicht verschwägert. Die Ähnlichkeit der zwölf Frauen ist dennoch verblüffend. Oberflächlich betrachtet, könnte jede auch dieselbe in freilich unterschiedlicher Maske sein. Different Persons nennt Ralf Peters die Reihe ihrer Bildnisse deshalb. Mit ernstem Gesicht ohne Ausdruck und offenen Augen blicken sie in die Kamera (S. 127–138). Wer einen Anflug von Lächeln auf den vollen, wohlgeformten Lippen sieht, erliegt wohl einer Autosuggestion. Andererseits – wäre es nicht möglich, dass gerade die Folge einer intensiven Anschauung das Wahrnehmen eines angedeuteten Lächelns ist?
Denn nur durch intensive Anschauung kristallisieren sich die Unterschiede in den frontal aufgenommenen Gesichtern aus. Und je länger der Blick auf den Gesichtern ruht, desto unverwechselbarer werden sie. Der erste flüchtige Eindruck provoziert lediglich ein Vorurteil; etwa jenes, dass Frauen eines bestimmten Alters aus der Mittelschicht gleich aussähen, weil sie einem identischen Schönheitsideal folgten. »Sie haben keine Gesichter mehr«, stöhnte die große Porträtfotografin Liselotte Strelow am Ende ihrer Laufbahn.
Kommerzielle Medien, Mode, Werbung, Kosmetikindustrie und plastische Chirurgie gäben das Modell vor, heißt es in kulturkritischen Einwürfen. Optische Unterschiede würden im Interesse eines standardisierten Ideals nivelliert. Mit Trugbildern erweckten sie den Eindruck, das wirksame Antidot gegen Enttäuschung, Alter und Tod zu sein, reflektierten aber allein sich selbst. Sie dienten vor allem als Schmiermittel eines ökonomischen Systems, das auf Versprechen basiere, welche zu brechen seine Funktion sei. Wer genauer hinsieht, vermag derlei Einsichten aus den typisierten Bildnissen durchaus zu gewinnen. Zumal Ralf Peters, der Autor der Aufnahmen, eine ganze Reihe von Voraussetzungen geschaffen hat, um sie zu befördern.
Zweifellos suchte er seine Modelle nach einem verbreiteten Vorstellungsbild aus. Wahrscheinlich hat er sich an den Gesichtern orientiert, die in populären Filmen, Fernsehspots, Magazinen und Reklamen für Mode- und Kosmetikartikel erscheinen, um das Bild 8 der »Traumfrau« zu entwerfen. Die Augenbrauen gezupft, die Haut makellos, die Augen klar, riesig groß kraft Blitzlicht, geschwungene Lippen, nicht zu dünn und nicht zu breit, helle Haare in sämtlichen Schattierungen des Blond, schmale, gleichförmige Nase, wohlgerundetes Kinn, ovale Kopfform – davon träumen ... ja wer? Die Männer. Aber offenbar auch die Frauen. Es besteht der begründete Verdacht, dass viele von ihnen diesem makellosen Bild nacheifern.
Trotz gemeinsamer Merkmale, die ohne Frage einem typologischen Schema entsprechen, entgehen nur dem zerstreuten Blick die Signale des Individuellen. Die Differenzen verraten sich in der Nuance. Die Farbe und Stellung der Augen, das Fallen der Haare, der Schmuck oder der Verzicht darauf, die Oberbekleidung. Zwar ist Ralf Peters in einschlägigen Modelagenturen fündig geworden. Die eine oder andere junge Frau hat er auch auf der Straße angesprochen, um sie für ein Shooting zu gewinnen. Aber nach genauer Inspektion fällt es schwer, die fotografierten Gesichter auf ein optisches Klischee zu verkürzen. Zwar weichen ihre Abbilder von den früheren Idealbildern des Weiblichen in der Kunst deutlich ab – aber welches Glamourmagazin würde die Mona Lisa, die Schöne mit dem geheimnisvollen Lächeln, je aufs Cover heben: zu rund das Gesicht, zu grob die Nase.
Angesichts des Problems der immanenten Subjektivität seiner Modelle bleibt die Haltung des Fotografen nichtsdestoweniger ambivalent. Mit dem Titel der Werkgruppe, Different Persons, und durch die Praxis, jedes einzelne Bild mit dem Vornamen des fotografierten Modells zu versehen, betont Peters die faktische Differenz der Frauen, die sich ablichten ließen. Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass er bei Auswahl und Aufnahme ein eng konturiertes Segment im Spektrum des Bildnisgenres angesteuert hat.
Manches eher unscheinbare Detail deutet auf seinen gezielten Eingriff hin; etwa die fast einheitlichen Frisuren; straff nach hinten aus der Stirn gekämmt – unbeschadet der Frisur, die sie wirklich tragen. In jedem Fall beruht die strikt frontale Ausrichtung der Modelle, ihre markante Platzierung vor hellem Fond in der Bildmitte sowie die Kalibrierung der Quadrage, die ihren Schnitt unterhalb des Halsansatzes führt, auf pointierten ästhetischen Entscheidungen des Autors. Zugleich sind es paradoxerweise aber die anschaulichen Ergebnisse dieser Entscheidungen, die den typologischen Charakter gegen den individuellen Anspruch in Geltung halten.
Indem Ralf Peters das eine betont, ohne das andere zu vernachlässigen, schärft er das Gespür für die prozessuale Seite des Sehens. Die ist den Menschen so selbstverständlich, dass sie unbewusst verläuft. Im Zuge der Wahrnehmung seiner Bilder, genauer, in dem, was Roland Barthes »studium« nennt, differenziert sich der Blick durch Reflexion vom zerstreuten Sehen und wird zur Rezeption. Offenbar löst der changierende Charakter der Bildnisse zwischen Modell- und Individualporträt, vom Fotografen durch die scheinbar unentschiedene Einstellung stimuliert, jene Reaktion aus, die das Selbstverständliche der Selbstverständlichkeit entkleidet, das Vertraute sozusagen fremd erscheinen lässt und so in ein »sehendes Sehen« (Max Imdahl) überführt.
Insofern könnte es sein, dass der eigentliche »Gegenstand« dieser Bildnisse nicht eine besondere Form des Abbildes ist, sondern das komplexe Phänomen der optischen Wahrnehmung, die während des Vorgangs bewusster Wahrnehmung selber zum Gegenstand wird. Aus diesem Grund ist auch nicht ein möglicher Wiedererkennungseffekt das Bestreben seiner ästhetischen Strategie, keine wie auch immer geartete Porträtähnlichkeit, sondern die offenkundige Ambivalenz des Bildnisses auszuloten, das eher eine Projektionsfläche der Betrachter ist als ein Ebenbild der fotografierten Modelle.

Einen solchen Eindruck bestätigen die Bildzyklen, die Ralf Peters durch vermeintliche Fenster mit Blick auf die Außenwelt realisiert hat. Besonders, wenn man sie mit den Bildnissen der zwölf »unterschiedlichen« Frauen in Beziehung setzt. Sofort wird klar, dass sie in Korrespondenz wirken. Mit anderen Worten: Die eine Werkgruppe ergänzt die andere. Im gegenseitigen Wechselverhältnis erweitern sie das Feld des potenziell Sichtbaren.

Katalog Kunsthalle Tübingen " Kopf an Kopf- Serielle Portraitfotografie" 2007, ISBN: 978-3939583-41-7

Die Erfahrung der leibhaftigen Begegnung mit dem Doppelgänger oder zumindest mit einer verblüffend ähnlichen Person dürfte heute beinahe jeder Mensch im Laufe seines Lebens einmal machen. Wem es widerfahren ist, der sieht die Frage einer an die äußere Erscheinung gebundenen Identitätsbestimmung mit anderen Augen. Ralf Peters hat eine vergleichbare Begebenheit, die zufällige Bekanntschaft mit zwei äußerlich nahezu identischen, einander jedoch völlig unbekannten Frauen, zum Anlass für seine Arbeit „Different Persons“ genommen.

Die Portraitserie basiert auf einer Art Feldforschung in Sachen Ähnlichkeit. Ausgehend von Beobachtungen auf der Strasse, vor allem jedoch von der systematischen Sichtung der Bildarchive professioneller Agenturen mit teilweise mehreren Tausend Modellen, hat Peters einen bestimmten Typus weiblicher Gesichter herausgefiltert und die betreffenden Personen zu Portraitsitzungen eingeladen. Die dabei entstandenen Bildnisse wurden lediglich zur fotoästhetischen Perfektionierung, nicht aber zur Verfremdung der Abgebildeten noch geringfügig bearbeitet. Sie sind nicht identisch, weisen jedoch verblüffende Ähnlichkeiten auf. So liegt im ersten Moment die Vermutung nahe, es handle sich um digital veränderte Portraits ein und derselben Person oder um fiktive Bildnisse, die aus mehreren Portraitvorlagen unterschiedlicher Personen kombiniert wurden. Doch dies ist nicht der Fall. Gezeigt wird vielmehr, was der Titel verspricht: „Different Person“, unterschiedliche Personen.

An die erste Irritation hinsichtlich der Frage nach Identität oder Differenz der Modelle schließen sich eine Vielzahl von Überlegungen und Beobachtungen an. So kann der Verdacht, hier sei digital manipuliert worden, einmal mehr zu der Erkenntnis führen, dass sich ein solcher angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten nicht mehr verifizieren lässt. Dies wird jedoch die wenigsten Betrachter daran hindern, sich auch weiterhin ein Urteil über den „wahren“ oder „falschen“ Charakter von Fotografien zu bilden. Des Weiteren wird der Grad der Ähnlichkeit zwischen den Abgebildeten von verschiedenen Beobachtern sehr unterschiedlich bewertet werden. Das liegt nicht an einer objektiv beschreibbaren Differenz, sondern weit mehr an den subjektiven Unterschieden in der Gesichtswahrnehmung.

Bewusst setzt Peters nur einen minimalen Schärfebereich ein, um somit den selektiven Charakter des Wahrnehmungsvorgangs zu verdeutlichen. Denn beim Erkennen und Bewerten eines Gesichts wird nur ein Teil der möglichen visuellen Information tatsächlich verarbeitet. Die Bedeutung, die dabei den unterschiedlichen Bereichen des Gesichts zukommt, ist subjektiv verschieden. Diese Differenzen sind nicht biologisch bestimmt, sondern durch den Prozess der Sozialisation beeinflusst, besonders durch die frühkindliche Schulung im Erkennen von Gesichtern. Das zeigt auch der Kulturvergleich… Unter Europäern ist die Ansicht verbreitet, asiatische Gesichter würden einander weit mehr gleichen als europäische. Umgekehrt gilt jedoch die gleiche Behauptung. Entscheidend für die Wahrnehmung von Unterschieden ist demnach nicht deren vermeintlich größeres oder geringeres Vorhandensein, sondern die Übung in der Lektüre der fraglichen Gesichtstypen. Ähnlichkeit ist kein objektives Phänomen. Nicht nur die eigene Identität, auch die der anderen wird in einem individuellen Prozess des Abwägens, Vergleichens und der zumeist unbewussten Anwendung erlernter Sympathien und Antipathien aktiv herausgebildet.

Peters sieht sich selbst weniger als Fotograf, sondern als Konzeptkünstler, der sich des fotografischen Verfahrens bedient. In den 80er- und 90er-Jahren hatte er seine künstlerischen Ideen zunächst mit plastischen Mitteln umgesetzt, so zum Beispiel in dem umfangreichen Werk „64 Modelle“, das in der Ausstellung „Einräumen“ zu sehen war (Hamburger Kunsthalle 2000, http://r-peters.de/_plastische/64/index.htm). Erst Mitte der 90er-Jahre rückte die Fotografie verstärkt in den Mittelpunkt seiner Arbeit.