Indoor

DIE NEUE SICHTBARKEIT DER FOTOGRAFIE ZU ZWEI WERKGRUPPEN VON RALF PETERS /Klaus Honnef Katalog "UNTIL TODAY"

Einen solchen Eindruck bestätigen die Bildzyklen, die Ralf Peters durch vermeintliche Fenster mit Blick auf die Außenwelt realisiert hat. Besonders, wenn man sie mit den Bildnissen der zwölf »unterschiedlichen« Frauen in Beziehung setzt. Sofort wird klar, dass sie in Korrespondenz wirken. Mit anderen Worten: Die eine Werkgruppe ergänzt die andere. Im gegenseitigen Wechselverhältnis erweitern sie das Feld des potenziell Sichtbaren. Noch aufschlussreicher wird der Vergleich dank des Umstandes, dass es sich bei einigen der Fensterbilder, wie den in Seoul versammelten, um digital bearbeitete Fotografien handelt; oder wie bei den drei »Originalaufnahmen« der Werkgruppe Indoor (S. 101–103) um »die fast leeren« Bilder, »die am Computer frei geträumt worden« sind (Peters). Was erblicken die Betrachter? Einen Widerschein des Realen oder eine bloße Computersimulation?
Auch diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Seoul bildet eine Gruppe von drei gleichformatigen nahezu quadratischen (90 × 84 cm) Bildern von identischer Struktur (S. 158, 159). Oben und unten sind die Bilder mit einem Binnenrahmen versehen, rechts und links angeschnitten, wobei der Schnittrand durch zwei unweit davon aufstrebende Vertikalen in der Binnenfläche noch einmal verfestigt wird. Die Bilder entwerfen eine Art Fenster im Fenster. In der oberen Hälfte durchschneidet eine schmale Horizontale die gesamte Bildfläche. Dahinter entfächert sich ein gitterförmiges Gefüge. In der mittleren Partie ist es deutlicher sichtbar als in der unteren. Das Gitter setzt sich jenseits der Binnenrahmen andersfarbig fort. Es ist bald vollständig, bald nur zum Teil, bald transparent übertüncht, als hätte jemand mit weißer Farbe darüber gestrichen. Pure Illusion. Kein Maler hat Hand angelegt. Selbst das feine Relief der Binnenrahmen und die jedes Bild abschließende Konsole mit Reliefwirkung sowie der Balken auf der Konsole im zentralen Bild des Triptychons sind das Werk einer elaborierten Rechenoperation. Ob bewusst oder unbewusst, Peters zitiert das aus sich leuchtende »Glanzlicht« der Malerei, das sich laut Ernst Gombrich dem Apelles, dem überragenden Maler der Antike, verdankt. Ist es in diesem Zusammenhang wirklich bloßer Zufall, dass kein originales Gemälde von ihm überliefert ist? Dabei sind es bei Peters ausschließlich diese glänzenden Relieflinien, die den Charakter des Fensterbildes schaffen und so etwas wie eine räumliche Dimension wenigstens suggerieren.
Widerschein des Realen oder Computersimulation? Weder noch, sowohl als auch, gleichermaßen. Zu sehen ist lediglich, was zu sehen ist, präziser, was sich vermöge genauen Anschauens entfaltet, ganz im Sinne von Frank Stellas »What you see is what you see«. Doch anders als Stella geht es Ralf Peters nicht um die Herstellung eines selbstreferenziellen Bildobjektes, vielmehr um die Herstellung von Sichtbarkeit. Nichts ist weniger selbstverständlich als das.
Denn: »Die Dinge werden nicht gesehen, weil sie sichtbar sind, sondern umgekehrt, sie sind sichtbar, weil sie gesehen werden«, notierte Diane Arbus in ihrem Tagebuch. Die große Fotografin fasste in der kurzen Sentenz zusammen, was die Kunst, seit sie sich in der westlichen Welt aus dem Banne der Religion löste, gewissermaßen im Auge gehabt hat: Die Dinge sichtbar zu machen. Die sichtbare Welt ist letzten Endes das Produkt von Bildern.
Inzwischen decken die visuellen Massenmedien mit abgeschliffenen und zu Klischees verkommenen Bildern wieder zu, was die Kunst in die Sphäre der Sichtbarkeit navigiert hat. Die avancierte Kunst reagiert auf die optische Vermüllung, indem sie die Bedingungen der Bilder einer anschaulichen Reflexion unterwirft. Konkret: Die Sichtbarkeit ist ihr Motiv und nicht mehr die Darstellung eines bestimmten Motivs. Anstelle eines in Wirklichkeit tatsächlich abwesenden Motivs, eines auf »Realität« verweisenden Zeichens, werden demzufolge in Peters’ »fotografischen« Bildern vor allem die Möglichkeiten, Sichtbarkeit zu erzeugen, sichtbar. So wenig die Augen der Different Persons den Betrachtern erlauben, in ihre Seele zu blicken, so wenig gerät vor den Fenstern des Triptychons Seoul die südkoreanische Metropole ins Blickfeld. Stattdessen erblickt man potenzielle Bilder von Menschen und Dingen, deren Referenz auf die Welt außerhalb der Bilder äußerst fragil und unsicher ist. Allenfalls Spuren der Realität haben sich erhalten.
In der Konsequenz verschiebt Ralf Peters den Fokus in seinen perfekt anmutenden Bildern von der Zeichenhaftigkeit des »Fotografischen« zur Veranschaulichung der genuinen Sprache der Bilder. Der Gegensatz von analoger und digitaler Fotografie hebt sich unabhängig von ihrer jeweiligen technischen Grundlage auf. Das Ergebnis ist eine scheinbare Tautologie: Jedes Bild des Künstlers vermittelt vor allem anderen zunächst seine Bildlichkeit; konkret: Es ist ein Bild. Darin manifestiert sich nicht zuletzt auch die kritische Komponente von Peters’ Werk.